{"id":4819,"date":"2017-07-15T11:30:14","date_gmt":"2017-07-15T11:30:14","guid":{"rendered":"https:\/\/wifhv.wordpress.com\/?p=4819"},"modified":"2017-07-15T11:30:14","modified_gmt":"2017-07-15T11:30:14","slug":"uebersetze-g20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wifev.zauberwerk-kiel.de\/?p=4819","title":{"rendered":"&#8222;\u00dcbersetze G20&#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Bilder und Geschehnisse in Hamburg haben sich nat\u00fcrlich auch unter den neuen Mitb\u00fcrgern in Kiel verbreitet.<br \/>\nDie Reaktionen waren unterschiedlich. Einige wollten sofort nach Hamburg fahren um beim Aufr\u00e4umen zu helfen, andere fragten welche Polizei vor Ort war; sie kannten die deutsche Polizei bisher nur in freundlich und sie konnten sich nicht vorstellen, dass es sich um deutsche Beamte handelte.<br \/>\nViele \u00e4usserten ihre Angst vor den Geschehnissen, da der Eindruck entstand, ganz Hamburg sei in Schutt und Asche gelegt worden,und die Filme und Bilder die im Internet liefen, sahen nach Krieg aus.<br \/>\nAlle die mich ansprachen, wollten die Vorkommnisse in Hamburg &#8222;\u00fcbersetzt&#8220; bekommen. Ein so komplexes Ereignis mit kurzen, einfachen S\u00e4tzen zu erkl\u00e4ren, ist eine kaum zu schaffende Herausforderung. Dabei steht das G20 Wochenende f\u00fcr etliche Probleme in Deutschland &#8211; sie wurden dort unverhohlen sichtbar &#8211; umso wichtiger sind Erkl\u00e4rungen und Aufkl\u00e4rung f\u00fcr alle B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Von Anfang an schwebten \u00fcber unserer Arbeit mit Gefl\u00fcchteten die gro\u00dfen Schlagw\u00f6rter &#8222;Integration&#8220; und &#8222;Kultur&#8220;. Alles was an Projekten mit Gefl\u00fcchteten l\u00e4uft, an Begegnungen, soll m\u00f6glichst &#8222;integrieren&#8220; und nebenbei m\u00f6glichst auch noch unsere Kultur vermitteln.<br \/>\nDas bedeutet zwangsl\u00e4ufig, dass man als Vermittler zu hinterfragen beginnt, in was man hier in Kiel, in Deutschland, eigentlich &#8222;integrieren&#8220; soll. Man findet auf dieser Suche, die unersch\u00f6pflich bereichernd ist und neugierig macht, auch unbekannte Anteile von deutscher Kultur, fast vergessene deutsche Gesetze (das Deflorationsgesetzt gilt bis heute) und allerlei \u00dcberfl\u00fcssiges.<br \/>\nLicht und Schatten tun sich dabei auf und letztendlich bleibt die Aufgabe schwierig, denn die bessere Welt ist nicht in Sicht und wenn man sich z.B. das hiesige Schulsystem anschaut, verzweifelt man, wie man da hinein noch &#8222;integrieren&#8220; soll, bei den Schwierigkeiten die so schon bestehen.<br \/>\n(siehe z.B. Artikel <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article166546342\/Enormer-Handlungsdruck-Viele-Bundeslaender-muessen-komplett-umdenken.html\">&#8222;Lehrermangel&#8230;&#8220;<\/a> )<\/p>\n<p>Auf Facebook wurde eine Stellungnahme zu G20 ver\u00f6ffentlicht, die frei von Wahlkampfparolen ist und sehr gut zusammenfasst:<\/p>\n<p><strong>\u201eUns f\u00e4llt es in Anbetracht der Wahllosigkeit der Zerst\u00f6rung schwer, darin die Artikulation einer politischen \u00dcberzeugung zu erkennen, noch viel weniger die Idee einer neuen, besseren Welt.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>STELLUNGNAHME ZU DEN EREIGNISSEN VOM WOCHENENDE<\/p>\n<p>Wir, einige Gesch\u00e4fts- und Gewerbetreibende des Hamburger Schanzenviertels, sehen uns gen\u00f6tigt, in Anbetracht der Berichterstattung und des \u00f6ffentlichen Diskurses, unsere Sicht der Ereignisse zu den Ausschreitungen im Zuge des G20-Gipfels zu schildern.<br \/>\nIn der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2017 tobte eine Menge f\u00fcr Stunden auf der Stra\u00dfe, pl\u00fcnderte einige L\u00e4den, bei vielen anderen gingen die Scheiben zu Bruch, es wurden brennende Barrikaden errichtet und mit der Polizei gerungen.<!--more--><br \/>\nUns f\u00e4llt es in Anbetracht der Wahllosigkeit der Zerst\u00f6rung schwer, darin die Artikulation einer politischen \u00dcberzeugung zu erkennen, noch viel weniger die Idee einer neuen, besseren Welt.<br \/>\nWir beobachteten das Geschehen leicht ver\u00e4ngstigt und skeptisch vor Ort und aus unseren Fenstern in den Stra\u00dfen unseres Viertels.<\/p>\n<p>Aber die Komplexit\u00e4t der Dynamik, die sich in dieser Nacht hier Bahn gebrochen hat, sehen wir weder in den Medien noch bei der Polizei oder im \u00f6ffentlichen Diskurs angemessen reflektiert.<\/p>\n<p>Ja, wir haben direkt gesehen, wie Scheiben zerbarsten, Parkautomaten herausgerissen, Bankautomaten zerschlagen, Stra\u00dfenschilder abgebrochen und das Pflaster aufgerissen wurde.<\/p>\n<p>Wir haben aber auch gesehen, wie viele Tage in Folge v\u00f6llig unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig bei jeder Kleinigkeit der Wasserwerfer zum Einsatz kam. Wie Menschen von uniformierten und behelmten Beamten ohne Grund geschubst oder auch vom Fahrrad geschlagen wurden.<\/p>\n<p>Tagelang.<\/p>\n<p>Dies darf bei der Ber\u00fccksichtigung der Ereignisse nicht unter den Teppich gekehrt werden.<\/p>\n<p>Zum H\u00f6hepunkt dieser Auseinandersetzung soll in der Nacht von Freitag und Samstag nun ein \u201eSchwarzer Block\u201c in unserem Stadtteil gew\u00fctet haben.<\/p>\n<p>Dies k\u00f6nnen wir aus eigener Beobachtung nicht best\u00e4tigen, die au\u00dferhalb der direkten Konfrontation mit der Polizei nun von der Presse beklagten Sch\u00e4den sind nur zu einem kleinen Teil auf diese Menschen zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Der weit gr\u00f6\u00dfere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fu\u00dfballspiel oder Bushido-Konzert \u00fcber den Weg laufen w\u00fcrden als auf einer linksradikalen Demo.<\/p>\n<p>Es waren betrunkene junge M\u00e4nner, die wir auf dem Bauger\u00fcst sahen, die mit Flaschen warfen \u2013 hierbei von einem geplanten \u201eHinterhalt\u201c und Bedrohung f\u00fcr Leib und Leben der Beamten zu sprechen, ist f\u00fcr uns nicht nachvollziehbar.<\/p>\n<p>\u00dcberwiegend diese Leute waren es auch, die \u2013 nachdem die Scheiben eingeschlagen waren \u2013 in die Gesch\u00e4fte einstiegen und beladen mit Diebesgut das Weite suchten.<\/p>\n<p>Die besoffen in einem Akt sportlicher Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung mit nacktem Oberk\u00f6rper aus 50 Metern Entfernung Flaschen auf Wasserwerfer warfen, die zwischen anderen Menschen herniedergingen, w\u00e4hrend Herumstehende mit Bier in der Hand sie anfeuerten und Handyvideos machten.<\/p>\n<p>Es war eher die Mischung aus Wut auf die Polizei, Enthemmung durch Alkohol, der Frust \u00fcber die eigene Existenz und die Gier nach Spektakel \u2013 durch alle anwesenden Personengruppen hindurch \u2013, die sich hier Bahn brach.<\/p>\n<p>Das war kein linker Protest gegen den G20-Gipfel. Hier von linken AktivistInnen zu sprechen w\u00e4re verk\u00fcrzt und falsch.<\/p>\n<p>Wir haben neben all der Gewalt und Zerst\u00f6rung gestern viele Situationen gesehen, in denen offenbar gut organisierte, schwarz gekleidete Vermummte teilweise gemeinsam mit Anwohnern eingeschritten sind, um andere davon abzuhalten, kleine, inhabergef\u00fchrte L\u00e4den anzugehen. Die anderen Vermummten die Eisenstangen aus der Hand nahmen, die Nachbarn halfen, ihre Fahrr\u00e4der in Sicherheit zu bringen und sinnlosen Flaschenbewurf entschieden unterbanden. Die auch ein Feuer l\u00f6schten, als im verw\u00fcsteten und gepl\u00fcnderten \u201eFlying Tiger Copenhagen\u201c Jugendliche versuchten, mit Leuchtspurmunition einen Brand zu legen, obwohl das Haus bewohnt ist.<\/p>\n<p>Es liegt nicht an uns zu bestimmen, was hier falsch gelaufen ist, welche Aktion zu welcher Reaktion gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Was wir aber sagen k\u00f6nnen: Wir leben und arbeiten hier, bekommen seit vielen Wochen mit, wie das \u201eSchaufenster moderner Polizeiarbeit\u201c ein Klima der Ohnmacht, Angst und daraus resultierender Wut erzeugt.<\/p>\n<p>Dass diese nachvollziehbare Wut sich am Wochenende nun wahllos, blind und stumpf auf diese Art und Weise artikulierte, bedauern wir sehr. Es l\u00e4sst uns auch heute noch vollkommen ersch\u00fcttert zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dennoch sehen wir den Ursprung dieser Wut in der verfehlten Politik des Rot-Gr\u00fcnen Senats, der sich nach Au\u00dfen im Blitzlichtgewitter der internationalen Presse sonnen m\u00f6chte, nach Innen aber vollkommen weggetaucht ist und einer hochmilitarisierten Polizei das komplette Management dieses Gro\u00dfereignisses auf allen Ebenen \u00fcberlassen hat.<\/p>\n<p>Dieser Senat hat der Polizei eine \u201eCarte Blanche\u201c ausgestellt \u2013 aber dass die im Rahmen eines solchen Gipfels mitten in einer Millionenstadt entstehenden Probleme, Fragen und sozialen Implikationen nicht nur mit polizeitaktischen und repressiven Mitteln beantwortet werden k\u00f6nnen, scheint im besoffenen Taumel der quasi monarchischen Inszenierung von Macht und Glamour vollkommen unter den Tisch gefallen zu sein.<\/p>\n<p>Dass einem dies um die Ohren fliegen muss, w\u00e4re mit einem Mindestma\u00df an politischem Weitblick absehbar gewesen.<\/p>\n<p>Wenn Olaf Scholz jetzt von einer inakzeptablen \u201eVerrohung\u201c, der wir \u201euns alle entgegenstellen m\u00fcssen\u201c, spricht, k\u00f6nnen wir dem nur beizupflichten.<\/p>\n<p>Dass die Verrohung aber auch die Konsequenz einer Gesellschaft ist, in der jeglicher abweichende politische Ausdruck pauschal kriminalisiert und mit Sondergesetzen und militarisierten Einheiten polizeilich bek\u00e4mpft wird, darf dabei nicht unber\u00fccksichtigt bleiben.<\/p>\n<p>Aber bei all der Ersch\u00fctterung \u00fcber die Ereignisse vom Wochenende muss auch gesagt werden:<\/p>\n<p>Es sind zwar apokalyptische, dunkle, ru\u00dfgeschw\u00e4rzte Bilder aus unserem Viertel, die um die Welt gingen.<\/p>\n<p>Von der Realit\u00e4t eines B\u00fcrgerkriegs waren wir aber weit entfernt.<\/p>\n<p>Anstatt weiter an der Hysterieschraube zu drehen sollte jetzt Besonnenheit und Reflexion Einzug in die Diskussion halten.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe steht immer noch, ab Montag \u00f6ffneten die meisten Gesch\u00e4fte ganz regul\u00e4r, der Schaden an Personen h\u00e4lt sich in Grenzen.<\/p>\n<p>Wir hatten als Anwohner mehr Angst vor den mit Maschinengewehren auf unsere Nachbarn zielenden bewaffneten Spezialeinheiten als vor den alkoholisierten Halbstarken, die sich gestern hier ausgetobt haben.<\/p>\n<p>Die sind dumm, l\u00e4stig und schlagen hier Scheiben ein, erschie\u00dfen dich aber im Zweifelsfall nicht.<\/p>\n<p>Der f\u00fcr die Meisten von uns Gewerbetreibende weit gr\u00f6\u00dfere Schaden entsteht durch die Landflucht unserer Kunden, die keine Lust auf die vielen Eingriffe und Einschr\u00e4nkungen durch den Gipfel hatten \u2013 durch die Lieferanten, die uns seit vergangenem Dienstag nicht mehr beliefern konnten, durch das Ausbleiben unserer G\u00e4ste.<\/p>\n<p>An den damit einhergehenden Umsatzeinbu\u00dfen werden wir noch sehr lange zu knapsen haben.<\/p>\n<p>Wir leben seit vielen Jahren in friedlicher, oft auch freundschaftlich-solidarischer Nachbarschaft mit allen Formen des Protestes, die hier im Viertel beheimatet sind, wozu f\u00fcr uns selbstverst\u00e4ndlich und nicht-verhandelbar auch die Rote Flora geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Daran wird auch dieses Wochenende rein gar nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>In dem Wissen, dass dieses \u00fcberfl\u00fcssige Spektakel nun vorbei ist, hoffen wir, dass die Polizei ein ma\u00dfvolles Verh\u00e4ltnis zur Demokratie und den in ihr lebenden Menschen findet, dass wir alle nach Wochen und Monaten der Hysterie und der Einschr\u00e4nkungen zur Ruhe kommen und unseren Alltag mit all den gro\u00dfen und kleinen Widerspr\u00fcchen wieder gemeinsam angehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einige Gesch\u00e4ftstreibende aus dem Schanzenviertel<\/p>\n<p>BISTRO CARMAGNOLE<br \/>\nCANTINA POPULAR<br \/>\nDIE DRUCKEREI \u2013 SPIELZEUGLADEN SCHANZENVIERTEL<br \/>\nZARDOZ SCHALLPLATTEN<br \/>\nEIS SCHMIDT<br \/>\nJIM BURRITO\u2019S<br \/>\nTIP TOP KIOSK<br \/>\nJEWELBERRY<br \/>\nSPIELPLATZ BASCHU e.V.<br \/>\nMONO CONCEPT STORE<br \/>\nBLUME 1000 &amp; EINE ART<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bilder und Geschehnisse in Hamburg haben sich nat\u00fcrlich auch unter den neuen Mitb\u00fcrgern in Kiel verbreitet. 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